Historie

Anfänge des Bergbaus im Helmstedter Revier

Schon vor der Gründung der Braunschweigischen-Kohlen-Bergwerke (BKB gab es Bergbau im Helmstedter Revier. Zufallsfunde, zum Beispiel 1725 bei Frellstedt, führten an verschiedenen Orten zur Entstehung kleiner Abbaukuhlen, in denen die ansässige Bevölkerung die Braunkohle als Ersatz für Brennholz in kleinem Umfang für den Eigenbedarf nutzte. Bauern sprachen anfangs von brennbarer Erde. Der erste Braunkohlebergbau im Herzogtum Braunschweig entstand Ende des 18. Jahrhundert. Ein pfiffiger Helmstedter Theologiestudent, Johann Moritz Friedrich Koch, hatte damals die Idee, Bergbau kommerziell zu betreiben.

Die Entstehung der BKB ist dem Herzog von Braunschweig zu verdanken, der die im Besitz des Landes Braunschweig stehenden Gruben zum Verkauf anbot. Grund: Der Staatsbetrieb war hochgradig defizitär – eine heute im öffentlichen Bereich undenkbare Situation. Der Verkauf war die Geburtsstunde der BKB. Damit beginnt eine erfolgreiche Epoche im Helmstedter Raum. Das wirtschaftliche Nahziel formulierte der damalige BKB-Vorstand so: „Steigerung der Förderungsleistung, Verbesserung der betrieblichen Strukturen mit hohen Investitionen, hohe Rentabilitätserwartungen.“ Auch solche Forderungen an Unternehmen soll es bisweilen heute noch geben.

Bei der BKB waren sie berechtigt, denn die Geschichte der Energienutzung stand an ihrem Anfang. Schon bald wurde die BKB größter Arbeitgeber im Raum Helmstedt. Der Impuls für den strukturellen Umbruch von der Agrar- zur Industrieregion ging von der BKB aus. Um Kohle transportieren zu können, wurde das Revier an das Bahnnetz angeschlossen, womit ein Teil der Trasse Hannover-Berlin über Helmstedt zu erklären ist.

Die Bergleute, vornehmlich Hauer und Schlepper, kamen allesamt aus dem Umland. Sie arbeiteten unter Tage in Tiefbauen. Der Hauer gewann die Kohle mit der Keilhaue, der Schlepper schaufelte sie in die Förderwagen und schob diese zum Schacht.

Wesentliche wirtschaftliche Nachteile des Tiefbaus waren hohe Aufwendungen für die Wasserhebung zur Trockenhaltung der untertägigen Grubenräume und die Notwendigkeit, aus Sicherheitsgründen Kohlepfeiler stehen zu lassen. Dies führte dazu, dass die Hälfte der Kohle nicht gewonnen werden konnte. Schnell stand fest, dass der wachsende Braunkohlebedarf nicht durch Tiefbaue gedeckt werden konnte und vom Tief- auf das Tagebauverfahren gewechselt werden muss. Ein Jahr nach ihrer Gründung, d.h. 1874 schloss die BKB ihren ersten Tagebau auf.

Fortschreitende Technisierung

Was heute relativ einfach und logisch klingt, bedeutete im 19. Jahrhundert eine technische Revolution, vergleichbar mit der Umstellung der Autoproduktion von der Einzelmontage auf Fließbandbetrieb.  

Die Tagebautechnik hatte zwar gegenüber der Tiefbautechnik den Vorteil, dass die Gewinnungsarbeiten gefahrloser und ohne Kohleverluste durchgeführt werden konnten, doch musste nun zusätzlich von Hand der über der Kohle lagernde Abraum bewegt werden. Das schuf Arbeit in der Region Helmstedt. 30 Jahre nach der Gründung hatte sich die Mitarbeiterzahl von 300 auf 2.100 versiebenfacht.

Den zweiten technischen Quantensprung brachten dampfbetriebene Eimerkettenbagger, die den Abraum förderten. Die Kumpel nannten diese ersten Maschinen ehrfürchtig „Eiserner Bergmann“.

1911 begann mit dem Einsatz eines Löffelbaggers auch die Mechanisierung der Kohlegewinnung. Erst zu diesem Zeitpunkt hatten die Schaufeln der Bagger einen Härtegrad, um im vergleichsweise festen Gestein Braunkohle fördern zu können.
Dass die Entscheidung, Tagebau zu betreiben, richtig war, können wir daran ablesen, dass die E.ON Kraftwerke GmbH, Helmstedter Revier als Nachfolger der BKB, im Bergbau bis heute vom Grundprinzip her kein anderes Verfahren einsetzt, damit wirtschaftlich arbeitet und keine Subventionen wie der Steinkohlebergbau benötigt.

Mit dem Tagebauverfahren hat sich aber der Charakter der BKB in der Region entscheidend verändert. Fortan war es das Unternehmen, welches gewaltige Tagebaue betrieb, mit Abbaugebieten von einer Größe, soweit das Auge reicht. Eine Folge war, dass in der Folgezeit die Orte Büddenstedt, Wulfersdorf, Runstedt, Alversdorf und ein Teil der Stadt Schöningen von der Landkarte verschwanden. Auch das hat etwas mit dem Wandel in einer Region zu tun.

Die aufgeschlossenen Tiefbaue wurden übrigens von der BKB weitgehend ausgekohlt. Erst am 4. September 1925 ging ein Zeitabschnitt der BKB-Geschichte zu Ende. Der letzte Tiefbau, die Grube Prinz Wilhelm, stellte ihren Betrieb nach der Überflutung durch Grundwasser ein. Noch heute trifft man auf diese Tiefbaugeschichte. Die Schaufelradbagger legen beim Abbau vereinzelt alte Schächte frei, die meist sogar noch vor der Gründung der BKB entstanden sind, in denen Grubenlampen, Schienen und Förderwagen gefunden werden.

Produkte aus Rohkohle

Der Verkauf von Rohkohle bildete damals das einzige Geschäftsfeld der jugendlichen BKB. Daneben belieferte die BKB Brennereien und Ziegeleien. Doch hatte die 50 Millionen Jahre alte Kohle aus dem Helmstedter Revier aufgrund ihrer Feuchtigkeit einen entscheidenden Nachteil gegenüber der um ein Drittel jüngeren konkurrierenden Kohle aus dem Rheinischen und Böhmischen Revier: Sie war feuchter und nicht so bruchfest. Dieser frühe Globalisierungsdruck mit einem immer schärfer werdenden Wettbewerb war nicht alles: Mit der großen Wirtschaftsdepression in den Jahren 1874 bis 1877 gerieten auch die Hauptabsatzmärkte der BKB in die Krise.

Außerdem unterlag der Braunkohleverkauf der BKB starken saisonalen Schwankungen. Um den Absatz zu gewährleisten, mussten andere Vertriebsmöglichkeiten für die Braunkohle gefunden werden. Ein Patent bereitete schließlich den Boden für eine neue industrielle Revolution im Helmstedter Revier: Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der Münchner Postrat Carl Exter die nach ihm benannte Exterpresse erfunden. Damit wurde es möglich, aus zermahlener Trockenkohle, die unter hohem Druck gepresst wurde, Briketts herzustellen.

1880 ging in Hötensleben die Brikettfabrik Viktoria, die erste des Reviers, mit einer Tagesproduktion von 2.000 Zentnern in Betrieb. Sie bildete den Auftakt für den Bau einer Reihe weiterer Fabriken. Und hier fand zum ersten Mal ein Strukturwandel im Helmstedter Revier statt. Das Unternehmen wandelt sich vom reinen Kohleförderer zum produzierenden Betrieb und erweitert damit sein Geschäftsfeld um die Vermarktung von Rohkohleprodukten. Hier wurde ein weiterer entscheidender Schritt zur Industrialisierung der Region gemacht.

Gleichzeitig begann eines der erfolgreichsten Kapitel der Unternehmensgeschichte. Von Anfang an fanden die Briketts guten Absatz. Schon zwei Monate nach der Produktionsaufnahme plante die BKB bereits eine Erweiterung der Fabrik, und eine weitere Presse und ein weiterer Trockner wurden aufgestellt. Bereits im ersten Betriebsjahr erhielten die Aktionäre für die im Jahr zuvor eingeführten Vorzugsaktien eine Dividende von 4,5 Prozent. Der Erfolg des neuen Produktes hielt auch weiterhin an, zusätzlich begünstigt durch den Bergarbeiterstreik im Steinkohlerevier an der Ruhr im Jahr 1889, was unverhofft neue Absatzmöglichkeiten brachte. 1893, nach 13 Jahren Brikettherstellung, erreichte die Jahresproduktion 48.000 Tonnen. Nachdem die größte Fabrik einen Eisenbahnanschluss erhielt, wurden die Briketts bis nach Berlin abgesetzt. Briketts waren anfangs das Heizmaterial gehobener Schichten. Im Gegensatz zur Rohkohle ließen sich die Briketts hervorragend transportieren, hatten einen wesentlich höheren Heizwert, entwickelten weniger Ruß und ließen sich durch ihre Stapelfähigkeit gut lagern, gerade in den beengten Wohnräumen in der Stadt ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Der Braunkohletagebau hätte ohne die Aufbereitung der Rohkohle zu einem hochwertigen Produkt nie seine große wirtschaftliche Bedeutung erhalten. Außerdem konnten nun die Grubenbetriebe ganzjährig ausgelastet werden, und das Unternehmen wurde unabhängig vom Saisongeschäft. Auch gab es in der Region Helmstedt nicht nur während der kalten Jahreszeit Arbeit, sondern durchgehend. Briketts konnten auch im Sommer verkauft werden, mit einer ganz modernen Vermarktungsstrategie - man bot während der warmen Jahreszeit die Briketts günstiger an. In den Spitzenzeiten hatte die BKB einen Absatzmarkt, der von Schweden bis Österreich reichte.

Treibstoff aus Braunkohle

Dieser Erfolg drängte eine Frage auf: Was kann man noch aus Braunkohle herstellen? In den 30er Jahren gewann schließlich die Verschwelung von Braunkohle zu Teer und Koks immer mehr an Bedeutung. Für die BKB eher unfreiwillig. Nach der Machtergreifung Hitlers spürte die BKB rasch das Streben nach Autarkie bei wichtigen Rohstoffen.

In gesamten Deutschen Reich wurden Hydrierwerke gebaut. Auch die BKB wurde staatlich verpflichtet, ein Schwelwerk zu bauen. Der von den Nationalsozialisten angeordnete Bau des Schwelwerks Offleben entwickelte sich zu der größten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme des Helmstedter Reviers. In den Kriegsjahren 1942 und 1943 wurde die größte Menge an Flüssigprodukten hergestellt: Fast 120.000 Tonnen Benzin und 615.000 Tonnen Trockenkoks.

Nach Ende des 2. Weltkrieges extrahierte eine neu errichtete Phenosovan-Anlage am Schwelwerk das Phenol aus den Abwässern. Die so gewonnene Karbonsäure diente als Grundprodukt für weitere Ausgangstoffe wie Kunstharz, Lacke oder Pflanzenschutzmittel. Öl und Koks, die im Schwelwerk selbst hergestellt wurden, dienten dem Wirtschaftaufschwung im zerstörten Deutschland. Der Koks wurde hauptsächlich an industrielle Abnehmer verkauft, der kleinste Teil wanderte in den Hausbrand.

BKB hat mit der Vermarktung von Rohkohleprodukten nicht nur ein entscheidendes Stück Industriegeschichte mitgestaltet, es hat die Region geprägt. Das Unternehmen beherrschte die Herstellung einer Vielzahl von Kohleprodukte. Leider war diese Kompetenz bald nicht mehr viel wert und schrittweise näherte sich das Ende einer Epoche. Als 1964 aufgrund des Beitritts zur heutigen EU die Hydriersteuerpräferenz wegfiel, hatte das Schwelwerk seinen letzten Wettbewerbsvorteil verloren und schloss 1967. Die Brikettproduktion wurde endgültig im Jahr 1974 eingestellt, verdrängt von Heizöl, Erdgas und Strom.

Grenzschließung im Jahr 1952

Eine Geschichte vom Wandel im Helmstedter Revier kann nicht erzählt werden, ohne kurz auf die endgültige Schließung der innerdeutschen Grenze einzugehen.

Der 26. Mai 1952 war ein schwarzer Tag für die damalige BKB, der schwärzeste in der Unternehmensgeschichte insgesamt. BKB hatte schon damals seine Zentrale in Helmstedt im Westen Deutschlands. Maßgebliche Betriebe waren das Großkraftwerk Harbke, die Brikettfabrik Bismarck und der Tagebau Wulfersdorf – alles Betriebe im heutigen Sachsen-Anhalt, der damaligen Ostzone. Morgens um 7 Uhr besetzten Polizisten der Volkspolizei die Betriebe und schlossen die innerdeutsche Grenze, die mitten durch zwei BKB-Tagebaue verlief.

Es spielten sich dramatische Szenen ab. BKB-Mitarbeiter versuchten besonders in den Tagebauen zu retten, was zu retten war, durchbrachen mit Zügen die Sperren oder versuchten, die Bagger noch auf westliches Gebiet zu fahren – meist vergebens. Die Volkspolizei durchtrennte die Stromleitungen und kappte die Schienenverbindungen. An Ausrüstung gingen der BKB allein 22 Lokomotiven verloren. Das betroffene Anlagevermögen hatte einen Wert von 30 Millionen DM – im Jahr 1952 wohlgemerkt.

Aus DDR-Sicht lasen sich die Ereignisse wie folgt: „Vier komplette Abraumzüge und ein Bagger wurden im Baggerbereich festgehalten. Die Werktätigen des Tagebaus Wulfersdorf hatten sich endgültig dem Einfluss der Schlotbarone entzogen und das Braunkohlenbergwerk allen Schikanen aus dem Westen zum Trotz zu ihrem Eigentum gemacht.“ Aus westlicher Sicht gab es zu diesem Tag nur eine Einschätzung: Das Unternehmen BKB war tot, seiner Rohstoffvorkommen und Betriebe beraubt.

Dass es den Bergbau heute noch gibt, ist in erster Linie raschem Handeln zu verdanken. In einer Rekordzeit von knapp zwei Jahren baute die BKB in Offleben ein neues Kraftwerk und erschloss entsprechende Kohlevorkommen im heutigen Helmstedter Revier auf. 

Für die BKB begann indes das Leben mit der Grenze. Die Beziehungen zwischen Nachbarstaat und Unternehmen lagen seit der Grenzschließung auf Eis. Von der unternehmerischen Seite ließ BKB kaum eine Gelegenheit aus, der DDR zu zeigen, was man von diesem Regime hielt. Sämtliche Versorgungsleitungen in Richtung Osten wurden gekappt. Die DDR wurde auf Herausgabe des Eigentums vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt. Man verschickte regelmäßig Essenspakete an Bewohner der Grenzgemeinden, die allerdings gleich an der Grenze beschlagnahmt wurden, oder man ließ zur Weihnachtszeit ganze Galerien von Weihnachtsbäumen entlang der Grenze und vom Dach der Kraftwerke gegen Osten leuchten.

Kraftwerk Buschhaus und das "Helmstedter Revier"

Im Jahr 1985 gab es einen weiteren Wendepunkt in der Stromerzeugung der BKB. Das Kraftwerk Offleben I ging vom Netz. An seine Stelle trat mit dem Kraftwerk Buschhaus eine neue Technikgeneration. Mit 380 Megawatt Gesamtleistung sollte Buschhaus das Geschäftsfeld Stromerzeugung bis ins nächste Jahrtausend sichern. Die Besonderheit des Kraftwerks war die erstmalige Verbrennung stark schwefelhaltiger Braunkohle. Möglich war dies, ohne das die Umwelt stark belastet wurde, durch die neuartige Technik der Rauchgasentschwefelung auf regenerativer Basis mit der Herstellung von reinem Schwefel.

Für dieses Verfahren wurde die BKB 1987 mit dem Deutschen Recyclingpreis ausgezeichnet.
Im Jahr 2002 wurde das Kraftwerk Buschhaus für eine der größten Revisionen der Unternehmensgeschichte abgeschaltet. Vorausgegangen war eine vom Aufsichtsrat abgesegnete Entscheidung, eine neue Rauchgasentschwefelungsanlage zu bauen. Außerdem wurden der Hochdruckläufer der Turbine und die Leittechnik erneuert. Insgesamt eine Investition von 50 Millionen Euro.

Innerhalb von sechs Monaten baute eine Tochtergesellschaft der RWE eine neue Rauchgasentschwefelungsanlage (REA) bei laufendem Betrieb zwischen die Anlagen der alten REA ein. Auch das hatte es vorher noch nie gegeben. In den acht Wochen der Revision wurden dann die Rauchgaskanäle von der alten auf die neue REA umgeschlossen.
Im Jahr 2008 erfolgt dann wieder eine gravierende Veränderung für das Unternehmen: Der Bereich „Braunkohleverstromung“ mit den Betrieben Kraftwerk Buschhaus, Tagebau, Bergbauplanung, Anlagenservice und Teilen der Verwaltung geht als „Helmstedter Revier“ in der E.ON Kraftwerke GmbH auf.

Für die mehr als 550 Mitarbeiter der Sparte Braunkohleverstromung der ehemaligen BKB AG änderte sich allerdings nur der Firmenname. Schon seit langem war die BKB AG eine hundertprozentige Tochter der E.ON Kraftwerke GmbH. Dadurch bestand bereits eine enge Verzahnung in der Stromerzeugung als Teil des E.ON-Kraftwerkparks. Zum ersten Mal verfügte nun die E.ON Kraftwerke GmbH mit dem Helmstedter Revier über einen eigenen Braunkohletagebau.

Die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (MIBRAG) erwarb das Revier 2013 von der E.ON Kraftwerke GmbH, Hannover. Als hundertprozentige Tochter beschäftigt die HSR am Standort ca. 200 Mitarbeiter in den Bereichen Tagebau, Instandhaltung, Kraftwerk, Ausbildung und Verwaltung. Dazu gehören ebenso die Töchter des Reviers Terrakomp und die Norddeutsche Gesellschaft für die Ablagerung von Mineralstoffen mbH (NORGAM).


Das Helmstedter Revier firmiert seit 1. Januar 2014 als Helmstedter Revier GmbH (HSR).

Seit dem 1. Oktober 2016 ist das Kraftwerk Buschhaus für vier Jahre in die Sicherheitsbereitschaft überführt.